2. Die Beschreibung evolutionärer Vorgänge mit Urprinzipien


Naturgesetze sind ein ideeller Überbau des Menschen, um das Naturgeschehen mit Funktionsbeziehungen zu beschreiben. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass die gefundenen Funktionsbeziehungen immer nur einen bestimmten Grad der Annäherung an das wirkende Geschehen ermöglichen. Sie sind vor allem geeignet, Naturprozesse quantitativ zu beschreiben. Für komplexere Naturprozesse werden Modelle aufgestellt, die eine für praktische Zwecke ausreichende Näherung der tatsächlichen Vorgänge ermöglichen. Soll die Genauigkeit steigen, dann steigt auch der Aufwand der Modellierung bis ins Unermessliche.
Die Versuche einer Vereinheitlichung und Zusammenfassung von Naturgesetzen zu einer "Formel für die Welt" zeigen andererseits, dass dann die Schwierigkeit auftreten wird, überhaupt noch eine Lösung dieser Weltformel zu finden. 2
Eine andere, ergänzende Möglichkeit der Beschreibung von Naturprozessen kann auf einem System von Axiomen oder Urprinzipien beruhen, die aber im Gegensatz zu den Naturgesetzen eher eine qualitative Beschreibung ermöglichen und von einer Ganzheit sämtlicher Erscheinungen ausgeht. Dabei spielt die analoge Betrachtungsweise und das Entsprechungsdenken eine wichtige Rolle.
Wenn ein solches axiomatisches System Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben will, muss es einige Bedingungen einhalten. Es sind dies:

               A) Das Orthogonalitätsprinzip               
  Die einzelnen Urprinzipien sind unabhängig voneinander. Es darf nicht möglich sein, dass ein Urprinzip durch eine Kombination anderer Urprinzipien ersetzt werden kann.  
   
  B) Das Universalitätsprinzip  
  Vielleicht das am schwierigsten zu realisierende Kriterium. Die Urprinzipien müssen alle Naturerscheinungen vollständig beschreiben.  
   
  C) Die Widerspruchsfreiheit  
  Alle Aussagen, die aus der Anwendung der Urprinzipien getroffen werden, müssen widerspruchsfrei sein. Es darf nicht vorkommen, dass eine Verknüpfung verschiedener Urprinzipien zu zwei gegensätzlichen Aussagen führt.  

Eine, für eine mathematische Beschreibung, sinnvolle Bedingung sollte noch hinzukommen:

               D) Stetigkeitsbedingung               
  Zeitliche und räumliche Änderungen der Wirkung der Urprinzipien verlaufen stetig. Diese Vorbedingung ist für eine Beschreibung evolutionärer Prozesse wichtig.  

Urprinzipien sind einmal durch ihre zahlenmäßige Beschränkung als auch durch ihre universelle Wirksamkeit nicht leicht zu beschreiben. Damit aber ein System entstehen kann, müssen sie vereinfacht werden. Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich in Zukunft ihre Anzahl verändert.
In diesem Beitrag werden 10 Urprinzipien verwendet, die jeweils durch einen Begriff dargestellt werden, der, so hofft der Verfasser, möglichst viel von ihrem Wirken beschreibt.

Es sind dies die Urprinzipien:

Energie             Fähigkeit, Arbeit zu leisten; Tatkraft; Energetik; Schwung
  
Harmonie             angenehme Übereinstimmung der Teile eines Ganzen; Stabilität
  
Information             Austausch von Nachrichten in gekoppelten Systemen; Kommunikation; Denken
  
Emotion             Gefühlsbewegung; Erregung
  
Egozentrik             Zentrum bildend; Zentralkraft; Zentralismus; Individualisierung
  
Transformation             Stabilität gewaltsam auflösend; umwandeln; umgestalten;
  
Wachstum             Zunahme; Ausweitung; Vermehrung
  
Konzentration             Sammlung; Zusammendrängen; Erstarren
  
Spontanität             plötzliche Veränderung; Veränderung aus einem labilen Gleichgewicht; plötzlicher Entschluss
  
Versöhnung             Homogenisierung; Ausgleich; Selbstlosigkeit; Altruismus
  

Wenn evolutionäre Prozesse mit Urprinzipien beschreibbar sein sollen, so müssen sie bereits am Anfang der Entwicklung des Kosmos vorhanden gewesen sein. Im folgenden Text sind die Urprinzipien in Klammer gesetzt und kursiv geschrieben.

Die gegenwärtige Kosmologie geht ausnahmslos vom "Big Bang" aus. Das gesamte, heute beobachtbare Universum mit all seiner Materie und Strahlung war am Beginn seiner Entwicklung in einem Raum konzentriert, der nach unseren Maßstäben nicht einmal die Größe eines Stecknadelkopfes hatte.
Dieser Raum bestand aus Vakuumenergie (Energie). Der Raum ist homogen und ausgeglichen (Versöhnung). Aus einem Schöpfungsimpuls (Spontanität) beginnt der Raum sich auszudehnen (Wachstum). Die Vakuumenergie transformiert (Transformation) zur Strahlungsenergie. Die unvorstellbar hohe Temperatur kühlt sich ab, es kommt zur Kondensation (Konzentration) der ersten Elementarteilchen. Gleichzeitig erscheinen die Photonen des Lichtes (Information). Das Universum dehnt sich weiter aus und kühlt dabei soweit ab, dass die Urformen der heutigen Galaxien durch die Schwerkraft (Egozentrik) gebildet werden können. Es kommt zur Stern- und Planetenbildung für eine längere Zeit, stabile und harmonisch aufgebaute Systeme entstehen (Harmonie).
Bereits dieser kurze Abriss zeigt, dass fast alle Urprinzipien, bis auf die Emotion, aufgetaucht sind. Vielleicht gab es aber vor dem Schöpfungsimpuls eine Erregung (Emotion), die zu diesem plötzlichen Entschluss (Spontanität) des Urknalls führte?


2  John D. BARROW: Theorien für Alles (1994), S.267
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